‚Weihnachten in Erdély‘ ist eine Kurzgeschichte, die ich bereits 2021 zu den Feiertagen als E-Book kostenlos bei Amazon angeboten hatte. Nun ist sie Bestandteil von „Aderunita III – Der Elfenbaum“ & bietet dir hier einen kleinen Einstieg in die Welt meiner Romantasy/ Urban Fantasy Reihe ^^
Viel Spaß beim Lesen!
[CN: Autounfall + Blut]

(c) Ela Bellcut

Kalter Wind blies Catrinel entgegen, als sie auf einer Anhöhe stand und sich die weiten Wälder der Karpa­ten vor ihr erstreckten. Egal, wohin sie blickte, sah sie den Schnee, der die riesigen Baumwipfel wie Zucker­guss überzog und alles friedlich erscheinen ließ. Eine weiße Welt, die bis zum Horizont reichte und sich dort mit dem Grau des Himmels vermischte.
Kurz verlor sie sich in dem Anblick, der sich ihr bot.
Die klirrende Kälte hatte sich längst durch Nels Win­terkleidung gefressen. Ihre Finger waren klamm und fühlten sich steif an, dennoch stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen. Sie liebte ihre neue Heimat – so wild, friedlich, naturbelassen. Einer der wenigen Orte, der noch unberührt war, voller Geheimnisse und fern des technischen Fortschrittes. Zudem kursierten Gerüchte unter den Einheimischen von leuchtenden Feenwesen und Tieren, die sich verwandeln konnten. Genau aus diesen Gründen hatte Catrinel hier leben wollen. Als Gheorghe den Job des Wildhüters bekommen hatte, war es ihr wie ein Lottogewinn vorgekommen. Beson­ders da Weihnachten vor der Tür stand.
Es war ihr erstes Fest ohne ihre Familie, ohne ihre lärmenden Geschwister, ohne die beengte Wohnung, die sie sich zu zehnt geteilt hatten. Dieses Jahr gibt es keinen Stress, nur Gheorghe und mich.
Wenn Nel sich anstrengte, konnte sie von der An­höhe aus am linken Rand des Waldes die gut ausge­stattete Blockhütte, in der sie mit ihrem Mann lebte, durch die Baumwipfel hindurch erspähen.
„Schatz, kommst du?“ Es war wie aufs Stichwort.
Sie drehte sich zu Gheorghe um, der die nächste Anhöhe erklommen hatte. Seine Wangen waren von der Kälte gerötet. Einige seiner dunklen Haarsträhnen hatten sich unter der roten Wollmütze hervorgemogelt und glitzerten an den Stellen, an denen sich Schnee­flocken in ihnen verfangen hatten. Seine braunen Au­gen strahlten vor Freude, als er sie anlächelte.
Von Neuem konnte Catrinel ihr Glück kaum fassen.
Sie schloss eilig zu ihm auf und ergriff seine Hand. „Es ist so wundervoll hier!“
„Ja, Schatz, das ist wahr. Wir haben den Baum auch gleich erreicht. Er ist wirklich perfekt! Der Weg lohnt sich auf jeden Fall.“
„Meinetwegen können wir noch Stunden umher­wandern! Das macht mir nichts aus.“ Sie grinste breit.
Lächelnd drückte Gheorghe ihre Hand fester und zog sie mit sich.
Sie gingen an riesigen Bäumen inmitten der weißen Welt entlang. Die Sonne schimmerte durch die Äste und ließ den Wald wie ein Zauberland erstrahlen, in dem es überall glitzerte. Das Holz knackte leise vor Kälte. Die Vögel zwitscherten gemächlich und nach wenigen Metern erreichten sie eine Lichtung.
Dort stand er: der prächtigste Weihnachtsbaum, den Nel je gesehen hatte. Er war nicht zu groß, gerade noch passend, um in ihrem Wohnzimmer einen Platz zu fin­den. Aber wie ihr Mann gesagt hatte, sah er perfekt aus. Üppige grüne Zweige, schwungvoll zu den Seiten ausgebreitet, als wollte er sagen: Hier bin ich und warte auf euch.
Er war eigentlich zu schön, um ihn zu fällen. Den­noch machte sich Gheorghe an die Arbeit, während Nel über die Lichtung zog und sich gar nicht an dem Anblick des Winterwaldes sattsehen konnte.
Als ihr Mann fertig war, half sie ihm beim Tragen zurück den Hang hinab.
Nach zwanzigminütigem Fußmarsch waren sie bei ihrem alten Kombi angekommen und verzurrten die Tanne auf dem Dach.
Nachdem sie das geschafft hatten, stiegen sie ein und fuhren los.
Kleine Flocken fielen wieder vom Himmel. Catrinel schaltete das Radio ein und ‚Let it snow‘ erklang.
„Es ist perfekt!“, sagte sie und beugte sich zu ihrem Mann hinüber, küsste ihn auf die Wange.
„Schatz, kannst du dich bitte anschnallen?“, meinte Gheorghe daraufhin.
Sie gab ihm abermals einen Kuss und sah aus dem Augenwinkel einen dunklen Schatten. Ein Tier?
Ihr Mann riss das Lenkrad herum.
Nel prallte gegen die Beifahrertür.
Die Reifen verloren ihren Halt auf der Straße.
Panisch versuchte Catrinel, sich am Armaturenbrett abzustützen, während der alte Kombi über die Fahr­bahn schlitterte und einem Abhang rechts von ihnen gefährlich nahe kam. Gheorghe riss weiter am Lenk­rad, um die Kontrolle über den Wagen zurückzuge­winnen. Ein riesiger Baum tauchte vor ihnen auf.
Ein Ruck zog durch das Auto, der Nel nach vorn beförderte. Schwerelosigkeit umfing sie. Glas splitter­te. Es knirschte. Krachte. Dann wurde alles still.
Catrinel lag auf dem Bauch. Sie spürte Nässe an ihrer Wange und den Händen. Ihre Haare verdeckten ihr die Sicht. Benommen versuchte sie, sich die Strähnen von den Augen zu wischen. Doch ein herber Stich zog sich von ihrem Unterleib durch den Körper.
Nel stöhnte auf, schluchzte und die weiße Welt wurde schwarz.

***

Der Schrei einer Eule drang in Catrinels Bewusstsein, dann das Schlagen von Flügeln. Eine leichte Brise zog über sie hinweg. Sekunden später legte sich eine große Hand auf ihre Schulter. Vorsichtig versuchte der Je­mand, sie herumzudrehen, doch sobald Bewegung in ihren Körper kam, stöhnte sie vor Schmerzen auf.
„Silva, komm her! Schnell! Die Frau verblutet!“
„Im Namen des Lichtes, wie viel Blut sie verloren hat! Ein Wunder, dass sie noch lebt.“
Nel wollte gar nicht wissen, was sie den beiden für einen Anblick bot. Der Schmerz allein bestätigte ihr, dass es schlimm war. Sie konnte sich keinen Millimeter bewegen, ohne dass sie Höllenqualen durchzogen. Zu­dem hoffte sie, dass auch die zwei, die geredet hatten, nicht versuchten, sie von der Stelle wegzubekommen. Ihr wurde bereits jetzt wieder schummrig.
Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, noch wo sich ihr Mann befand oder wie es um ihn stand. Sie fühlte sich nicht in der Lage, nach ihm zu rufen. Nichts konnte sie mehr, außer hier liegen. Für einen Moment wünschte sie sich, sie könnte mit der Kälte verschmel­zen, könnte abdriften. Könnte so den Schmerzen und den Sorgen entkommen.
„Die Angriffe müssen aufhören!“, erklang es von dem Fremden grimmig. „Wir müssen schleunigst et­was dagegen unternehmen!“
„Wohl wahr, aber jetzt sieh nach dem Mann, ich heile die Frau“, antwortete die Stimme neben ihr.
Silva, wenn Catrinel richtig gehört hatte.
Dann spürte Nel zwei Hände auf ihrem Rücken. Durch all die nebligen Empfindungen, durch all das pulsierende Pochen, das ihre Bauchgegend und den Körper für sich erobert hatte, fühlte sie die hauchzar­ten Finger, als würden sie sich durch den Stoff ihres Wintermantels brennen. Ihre Haare verdeckten ihr weiterhin die Sicht, trotzdem sah sie die Helligkeit, die sich schlagartig in ihrer Nähe ausbreitete. Eine Wärme erfüllte sie. Die Schmerzen nahmen ab, bis nur Leich­tigkeit übrig blieb.
Das Leuchten erstarb und sie vernahm wieder die Frauenstimme: „Du kannst jetzt aufstehen. Ich habe deine Blutungen stoppen können. Auch deine Bauch­wunde und die Verletzungen am Kopf sind verheilt.“
Es klang surreal. Catrinel blieb liegen, horchte in sich hinein. Tatsächlich war da lediglich ein minimaler Schmerz in ihrem Unterleib, aber nichts mehr von dem elenden Leid von eben.
„Vertraue mir, alles ist gut“, kam es flüsternd von der Seite. Eine Hand schloss sich um ihren Oberarm und Nel rappelte sich mithilfe der fremden Frau auf.
Die wundersame Erscheinung neben ihr trug trotz der Kälte nur ein weißes Leinenkleid, das bis zum Bo­den reichte und ihre Arme mit Trompetenärmeln ver­barg. Der Stoff leuchtete an verschiedenen Stellen, als bestünde er selbst aus Eis. Die Frau hatte dunkles lan­ges Haar, welches ihr in Wellen den Rücken hinabfloss. Auch dieses glitzerte, als würden sich darin kleine Eiskristalle verbergen.
Sprachlos starrte Nel sie an. „Bist du ein Engel?“, flüsterte sie.
Ein helles Lachen erklang, ehe die Frau sich von ihr abwandte und zum Wagen hinüberging. Neben dem Kombi stand ein breitschultriger Mann, der sich mit seinem Oberkörper ins Innere lehnte und ihr die Sicht auf Gheorghe versperrte.
„Wie geht es ihm?“, keuchte Catrinel.
„Aves, lass mich sehen“, wies Silva diesen an.
Er beugte sich zurück und machte ihr Platz. Endlich konnte Nel einen Blick auf ihren Ehemann werfen. Er hatte eine Platzwunde am Kopf und die Augen ge­schlossen.
„Er ist bewusstlos“, erklärte Aves und kam auf sie zu. „Aber es geht ihm nicht so schlecht wie Ihnen eben.“
Catrinel wurde bange, als sie zu dem Fremden auf­sah. Er maß beinahe zwei Meter, hatte langes graues Haar, einen üppigen Vollbart und trug einen weiten Mantel, der komplett aus gräulichen Federn bestand. Sein Kopf ruckte wie bei einer Eule hin und her, um die Umgebung zu inspizieren.
Plötzlich wurde eine Frage in Nel laut: „Wie habt ihr uns gefunden?“
„Wir hörten den Krach“, sagte der Mann wie zu sich selbst, während er sich weiter umsah.
Der Schatten vor dem Aufprall kam ihr in den Sinn. „Haben wir ein Tier angefahren?“
Er schüttelte den Kopf, sah sie aber nicht an.
Neben ihnen leuchtete es auf. Catrinel sah zum Auto und erblickte Silva, die eine Hand auf Gheorghes Stirn gelegt hatte und hell glühte. Ihr bis eben schwarzes Haar strahlte jetzt weiß und auch sonst schien ihr Kör­per von Kopf bis Fuß Licht abzustrahlen. Dieses glitt in Nels Mann und die Verletzung, die zwischen Silvas Fingern hervorlugte, schloss sich in Sekundenschnelle.
Die Wunde schließt sich? Sie ist verschwunden! Aber das … das kann doch nicht …
Catrinels Beine gaben unter ihr nach und zwei kräf­tige Arme fingen sie auf, ehe sie fiel.
„Es ist alles gut. Tief durchatmen! Silva heilt Ihren Mann nur.“
„Nur?“, keuchte Nel. „Wie ist das möglich?“
Der Fremde schwieg und schob sie zur zerbeulten Motorhaube, sodass sie sich daran abstützen konnte.
„Ist das Magie?“, versuchte sie es erneut.
Sie erinnerte sich an die Geschichten der Einheimi­schen. Bin ich selbst inmitten einer solchen?
Erstaunen machte sich in ihr breit und schob ihre Sorgen beiseite. Sogar die skeptische Stimme in ihrem Hinterkopf verstummte, die bisher Halluzinationen durch den Unfall für möglich hielt.
Das Leuchten erstarb wieder und die Frau erschien neben ihnen. Nel sah sich eilig nach Gheorghe um, aber er war offensichtlich noch bewusstlos.
„Es geht ihm gut“, sagte Silva, der ihre Angst anscheinend nicht entgangen war. „Doch das hier muss unter uns bleiben, verstanden?“ Sie sah Catrinel ein­dringlich an. „Ich vertraue darauf, dass Sie nieman­dem erzählen, was geschehen ist. Es ist nur zu eurem Besten, glauben Sie mir. Zu Hause rufen Sie die Poli­zei an, melden den Unfall, damit Ihr Auto abgeschleppt wird. Aber den Rest behalten Sie für sich!“
Nel schüttelte den Kopf. „Ich verstehe das nicht.“
„Es geht Ihnen beiden gut, mehr müssen Sie nicht verstehen.“ Ihr Blick glitt zu Aves, sie nickte ihm zu.
„Aber … Sie haben uns das Leben gerettet, haben uns geheilt. Wir stehen in Ihrer Schuld!“
Silva lächelte dezent, ehe sie ihre Hand nach Catrinel ausstreckte. Diese wollte zurückweichen, doch das Auto versperrte ihr den Weg.
„Du bist reinen Herzens, Catrinel. Womöglich sehen wir uns ein andermal.“ Ihre Finger legten sich auf Nels Stirn. „Doch nun: Schlafe!“

***

Nel schlug benommen die Augen auf und sah sich irritiert um. Sie befand sich zu Hause, in ihrem Schlaf­zimmer, im Bett. Neben ihr lag ihr Mann.
Auch Gheorghe schien langsam zu erwachen, ehe er sich abrupt aufsetzte. Er drehte sich erschrocken zu ihr und seine Anspannung fiel direkt wieder von ihm ab, als er sie wohlbehalten neben sich entdeckte.
Catrinel sah an sich hinunter. Ihre Hand strich über den Bauch. Er schmerzte noch minimal. Aber anstelle der blutigen Sachen trug sie ihren Pyjama.
Ihr Verstand arbeitete auf Hochtouren, aber sie be­griff nicht, warum sie zu Hause waren.
Ihr Mann fasste sich an die Stirn und schüttelte den Kopf. „Ich hatte wirklich einen komischen Traum.“
„Einen Traum?“, hauchte Nel. „Ein Autounfall?“
Er blickte schockiert zu ihr und nickte zögernd. „Hast du auch davon geträumt?“
„Schatz, das war kein Traum.“ Sie stand auf und lief zum Fenster. „Siehst du, unser Auto ist nicht da!“
Knarrendes Holz verriet ihr, dass Gheorghe zu ihr herüberkam. Er stellte sich neben sie und schaute auf den kleinen Hof hinaus. „Aber das kann nicht sein“, stieß er aus.
Catrinel blickte zu ihm. „Woran erinnerst du dich?“
„Ähm, da war ein Hirsch. Er ist fast in unser Auto hineingelaufen. Ich bin ausgewichen. Aber dadurch sind wir von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Als ich zu mir kam, warst du nicht mehr neben mir. Ich sah die kaputte Frontscheibe und rief nach dir. Doch ehe ich aussteigen konnte, kam eine Eule angeflogen. Ihr folgte ein gleißend helles Licht. Es war eine weiße Kugel, die neben dem Vogel her­schwebte. Und dann …“
„Was, Schatz? Was hast du gesehen?“
„Es war ein Traum!“, beharrte Gheorghe und schüt­telte den Kopf.
Sie sah ihn abwartend an.
Es verstrichen atemlose Sekunden, ehe er sich einen Ruck gab und seine Beobachtungen schilderte: „Die Eule verwandelte sich in einen Mann und das Licht in eine dunkelhaarige Frau mit weißem Kleid. Sie spra­chen unsere Sprache, sagten, dass du viel Blut verloren hast. Doch … an mehr erinnere ich mich nicht.“ Er strich sich fahrig über die Stirn, sah zurück in den Hof, zu dem Platz, auf dem normalerweise ihr Kombi stand. Dann machte er kehrt und stürmte aus dem Zimmer.
Catrinel hörte ihn den Flur entlanggehen und die Treppe hinunterpoltern.
Sie folgte ihm rasch.
Doch er war bereits wieder stehen geblieben und verharrte auf den Stufen. „Schatz?!“ Es klang gleich­zeitig fragend und wie eine Aufforderung.
Sie lief zu ihm und schaute hinab ins Wohnzimmer. Verblüfft sah sie sich um. Dort stand in der rechten Ecke der Weihnachtsbaum, den sie geschlagen hatten. Daneben brannte ein Feuer im Kamin, dessen oberer Rand mit Tannenzweigen geschmückt war. Auf dem Couchtisch davor befanden sich ein gläserner Teller mit Plätzchen und eine Schale Punsch, dessen fruch­tiger Geruch bis herauf zur Treppe reichte.
Catrinel ging die letzten Stufen hinunter und strebte zum Baum, der weißsilbern funkelte. Als sie näher trat, erkannte sie, dass der ganze Baumschmuck ebenfalls aus Glas bestand. Leuchtende Figuren waren überall verteilt und gaben der Tanne einen besonderen Glanz.
Wie Eiskristalle, schoss es Nel durch den Kopf. Sie beugte sich dicht heran, um die filigranen Gebilde zu inspizieren. Es waren Waldtiere, Schneeflocken und Gestalten ähnlich wie Feen.
Sie drehte sich um ihre eigene Achse und kam sich vor wie in einem Märchen inmitten all der Weih­nachtsdekoration. Als hätten die magischen Wesen ihre Wünsche erhört und ihr das schönste Fest gezau­bert, das sie sich selbst vorstellen konnte.
Freudentränen sammelten sich in ihren Augen.
Sie blickte zu ihrem Mann auf, der unverändert auf der Treppe stand. Verwirrt ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen, der vorher gänzlich unge­schmückt gewesen war. Nel eilte auf Gheorghe zu, ergriff seine Hand und zog ihn ins Wohnzimmer. „Es ist ein Weihnachtswun­der, Schatz! Lass es uns einfach genießen!“